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Auszug aus der Einleitung:

 

Die Volkspartei – Annäherung an einen Mythos ohne Zukunft

Nach gängiger Vorstellung ist eine Partei eine Gruppe gleichgesinnter Bürger, die gemeinsam ihre politischen Vorstellungen durchsetzen wollen und dafür nach Macht sowie nach Ämtern streben. Die Wissenschaft hat den Parteien darüber hinaus allerlei Aufgaben zugedacht. Sie sollen Mittler sein zwischen Individuum und Staat, sollen demokratische Teilhabe ermöglichen und politische Eliten rekrutieren. Soweit die Theorie.

Die Realität des Jahres 2011 in Deutschland sieht anders aus. Wutbürger treiben ratloser Politiker vor sich her. Der Protest formiert sich nicht mehr an den gesellschaftlichen Rändern sondern in der Mitte. Menschen, die den Parteien bislang loyal gefolgt sind und sich damit begnügten, alle vier Jahre zu wählen, gehen zu Zehntausenden auf die Straße. Sie protestieren gegen das Infrastrukturprojekt Stuttgart 21 und blockieren auf dem Weg nach Gorleben tagelang einen Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll. Sie stoppen per Volksentscheid in Hamburg eine Bildungsform, die von allen Fraktionen der Bürgerschaft unterstützt wurde und sie bejubeln den islamkritischen Provokateur Thilo Sarrazin, den die politischen Eliten kollektiv geächtet haben.

Den Parteien laufen gleichzeitig die Mitglieder in Scharen davon. Der Individualismus der Deutschen ist längst stärker als die Sehnsucht nach Gleichgesinnten. Die Politiker kümmern sich intensiver um die innerparteiliche Intrige als um den gesellschaftlichen Diskurs. Statt um politische Vorstellungen geht es ihnen zuerst um Macht. Und wenn Posten und Ämter endlich verteilt wurden, sind sich viele Politiker und Parteien damit häufig selbst genug. Kein Wunder, dass sich die Wähler rar machen und die Wahlbeteiligung sinkt. Selbst diejenigen, die ihrer demokratischen Pflicht noch nachkommen, wissen mehrheitlich nicht, was sie wählen sollen. Es ist nicht mehr zu übersehen, das bundesdeutsche Parteiensystem steckt in der Krise, die demokratische Teilhabe ist gefährdet. (...)

Die Volkspartei ist ein deutscher Mythos. So eng ist dieser Parteientyp mit der dualen Dominanz von Union und SPD in der bundesdeutschen Parteiengeschichte verwoben, dass es nicht einmal eine englische Übersetzung gibt. Eine wissenschaftlich tragfähige Definition findet sich auch nicht. Hilfsweise gelten in der Parteienforschung diejenigen Parteien als Volksparteien, die sozial heterogen sind, Schichten übergreifend agieren und versuchen, mit modernen Kommunikationsmethoden möglichst viele Wähler anzusprechen. Klingt schön, klingt ein bisschen allgemein, da findet sich jeder wieder. Verdrängt wird dabei, dass aus dieser Perspektive betrachtet die NSDAP die erste, wenn auch autoritäre Volkspartei in Deutschland war: sozial heterogen, Schichten übergreifend und modern.

Der Popularität der Volkspartei hat dies alles nie geschadet, weder die wissenschaftliche Unschärfe des Begriffs noch seine politische Beliebigkeit und auch nicht dessen Geschichte. Alle reden von den Volksparteien: Politiker, Journalisten und Wähler. So allgegenwärtig scheint die Volkspartei in Deutschland, dass alle Krisensymptome ignoriert, verdrängt oder abgestritten werden. ....